
Augenzeugenbericht vom
Schwarzen Donnerstag in Stuttgart, am 30. September 2010
von Thomas Felder
Am Morgen erhalte ich Nachricht von der Parkschützerwache, für 15 Uhr sei ein Grosseinsatz der Polizei im Anmarsch, die ersten Bäume sollen gefällt werden. Rasch packe ich meine Ausrüstung zusammen: Eine Plastikkette mit Zahlenschloss, Klappstuhl, Wasser und Vesper. Ich erreiche den Schlossgarten am späten Vormittag. Es wimmelt von Menschen, darunter Polizisten, die vergeblich versuchen eine Sperrkette zu bilden. Ich erkläre den Beamten, dass wir uns verpflichtet haben, die Bäume zu schützen. Dieser Park sei öffentlicher Grund und Boden, den jeder betreten darf. Ich frage sie, ob denn eine Abholzerlaubnis vorliege und warum sie es so eilig hätten friedlich demonstrierende Bürger aus ihrem Park zu vertreiben. Die Antworten sind stockend und münden stets in der Erklärung: »Wir machen es nicht gern, aber es ist Befehl«.

Am Baum Nr. 45 direkt an der abgezäunten Grenze zum ehemaligen ZOB kette ich mich an. In den Ästen sitzen zwei Jugendliche, mehrere Erwachsene gesellen sich unten dazu. Durchs Gebüsch beobachten wir, wie sich die Lage etwa 120 m von uns entfernt dramatisch zuspitzt. Immer mehr Menschen setzen und stellen sich dem Ansturm der Polizei friedlich entgegen. Zentimeterweise erobern vermummte Gestalten das Terrain. Es wird Stunden dauern, bis sie zu uns durchkommen. Deshalb löse ich meine Kette und gehe nach vorne.

Ich versuche wieder die Polizisten als Menschen anzusprechen. Sie erscheinen mir aber nur noch wie namenlose, gesichtslose, hochgerüstete High-Tech-Roboter. Mit so gerüsteten Menschen ist kein Gespräch mehr möglich. Sie sind in eine Situation hinein befohlen, in der sie nur noch auf Befehl funktionieren können und nicht mehr in der Lage sind, eine normale Wahrnehmung von Mensch zu Mensch zu entfalten. Ich kehre ihnen deshalb den Rücken zu. Einer stößt mir seinen stählernen Schlagstock ins Kreuz, ein anderer bearbeitet meine Nieren mit seinen gepanzerten Fäusten, bis ich vor Schmerz einen Schritt weiche. Zu meinen Füßen liegt eine ältere Frau, soeben zusammengebrochen. Ich kann nicht weiter zurück weichen. Meinen nächsten Schritt müsste ich Not gedrungen auf ihre Brust setzen, oder ich würde selbst auf sie fallen. Verzweifelt schreie ich so laut ich kann, nach einem Notarzt. Der Druck lässt nach, zwei Helfer können die Frau aufrichten und aus dem Gedränge herausführen.

Geschockt drehe ich mich um und frage die Beamten, ob sie denn selbst glauben auf diese Weise einen Rechtsstaat zu vertreten. Keine Antwort. Ich kehre zum Baum Nr. 45 zurück. Da steht meine Parkwächterkollegin, in Tränen aufgelöst. Sie weint um ihren Sohn, der soeben von der Polizei verletzt wurde. Ihr Mann kümmert sich um ihn, während sie wieder an ihrem Posten steht.

Noch immer lohnt sich kein Anketten, die Phalanx der gepanzerten Sicherheitskräfte ist noch 60 m entfernt. Ich beteilige mich an der Sitzblockade. Ganz am Ende, wo es noch einigermaßen trocken zugeht, mache ich es mir auf meinem Hocker bequem und beobachte, wie sich mehrere Wasserwerfer rücksichtslos in die Menge schieben und wahllos um sich schießen. Die Sonnenschirme des Biergartens werden vom Strahl zerfetzt. Ein Fernsehreporter wird mit seiner Kamera regelrecht umgeschossen. Es hagelt Kastanien, Äste und Laub. Rauchkörper werden gezündet und alsbald wieder gelöscht. Gegen 15 Uhr prügelt sich ein Stoßtrupp von »Robotern« dicht am Zaun entlang durch die Menge. In wenigen Minuten wird er meinen Baum Nr. 45 erreichen - Zeit zum Anketten, denke ich und laufe hin. Ein Mädchen sitzt noch oben und schreit entsetzt, was sie sieht: »Sie sprühen wahllos Pfeffer in die Augen - weg, bloß weg!« Ich helfe ihr vom Baum, der Schock steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie eilt davon. Augenblicke später brechen die »Roboter« durchs Gebüsch und beginnen mich zu umzingeln. In letzter Sekunde nestle ich meine Plastikkette vom Baum, packe sie in den Rucksack und flüchte in den Park.

Gönningen, 2. Oktober
2010
Antwort auf die Kritik eines Gemeindeblatt-Lesers an meiner Wortwahl im Disput
um S21 mit der Ermahnung, ich solle meine Gaben besser zur Deeskalation einsetzen...
die Stuttgarter Schülerdemonstration am Donnerstag wecke Assoziationen
zur Rekrutierung von Kindersoldaten in Afrika...:
Sehr geehrter Herr Dr. C.,
die Diskussion um S21 krankt vor allem daran, dass die schlichte Wahr-nehmung
der verschiedenen Parteien, sowie deren Grundverständnis von Demokratie
sich diametral voneinander entfernen.
Ich persönlich bin heute noch einem rechts gerichteten Mitschüler
der damaligen Abitursklasse meines kirchlichen Internats dankbar dafür,
dass er mich als14-jährigen gegen Rudi Dutschke »aufgehetzt«
und auf eine Demonstration mitgenommen hat. Auf der Schwäbisch-Haller Freitreppe
vor der St. Michaelskirche stand ich mit einem Schild in den Händen: »Kein
Krawall in Schwäbisch Hall!« Der angebliche »Hitler-Nachfolger«
Rudi Dutschke erwies sich als ein kluger, friedfertiger politischer Denker,
dessen Argumenten mein »Führer« nichts wirklich Vernünftiges
entgegen zu setzen hatte. In großer Verlegenheit ließ ich mein Schild
zwischen zwei Fachwerkhäusern verschwinden und organisierte noch auf dem
Heimweg zusammen mit anderen »Aufgewachten« einen Schülerstreik.
Unser damaliges Handeln hatte zur Folge, dass es heute an fast jeder deutschen
Schule eine SMV gibt, also ein gewähltes Gremium von Schülern, die
sich ehrenamtlich politisch engagieren. Solche Jugendliche haben für letzten
Donnerstag zu einer landesweiten Demonstration u. a. für den Erhalt des
Stuttgarter Schlossgartens aufgerufen. Während des angemeldeten Umzugs
wurde bekannt, dass gerade im Schlossgarten Fakten geschaffen werden, die ihren
Protest im wahrsten Sinn des Wortes gegenstandslos machen. Was liegt also näher,
als genau dort hin zu gehen, um sich der Vandale zu widersetzen?
Ich bewundere den Mut dieser jungen Leute, die sich friedlich auf dem Zauntransporter
der Polizei niedergelassen haben, bis sie heruntergeknüppelt wurden. Ich
weine mit den Opfern der friedlichen Sitzblockade, die sich Wasserwerfern und
Pfefferspray ausgesetzt haben. Ich trauere um ein möglicherweise dabei
verlorenes Menschenleben und um dabei verlorene Augenlichter und schäme
mich, dass ich selber vor dem Pfefferspray davongelaufen bin, anstatt weiter
am Baum Nr. 45 angekettet zu bleiben.
Wer selber am Tatort war, muss feststellen, dass unser Innenminister mit seiner
dreisten Lügen- und Eskalationspolitik den letzten Rest christlicher Grundwerte
zerstört und dazu noch ein ganzes Heer junger Polizisten missbraucht. Jeder
von diesen armen Schluckern, die ich zu sprechen bekam, hat mir gesagt: »Ich
mache es nicht gern, aber es ist Befehl.« Wie kann man behaupten, die
Gewalt gehe von unbescholtenen Bürgern aus, die auf erklärt friedliche
Weise ihren Park besetzt halten, solange dies irgend möglich ist. Bis heute
ist es Herrn Rech nicht gelungen aus Millionen aufgezeichneter Bilder auch nur
ein einziges heraus zu fischen, das seine Behauptung untermauert, Demonstranten
hätten Polizisten ernsthaft in Gefahr gebracht. Warum hat man die Werfer
der beiden Rauch- und Knallkörper nicht sofort festgenommen? Solange ihre
Identität nicht öffentlich geklärt ist, vermute ich von der Polizei
selbst bestellte Provokateure dahinter.
Zur Erklärung des Einsatzleiters Stumpf, er habe nicht mit so viel Widerstand
gerechnet, kann ich nur sagen: Ein Blick auf die Internetseite der Parkschützer
hätte genügt, um zu wissen was blüht. Im übrigen konnte
der Einsatz jederzeit abgebrochen werden. Aber ein Bauzaun scheint Herrn Stumpf
mehr wert zu sein als die Unversehrtheit der Bürger. Der militante Polizeieinsatz
mit all dem verlogenen Geschwätz seiner Verantwortlichen ist an Plumpheit
kaum zu überbieten.
Die Schüler wurden nicht instrumentalisiert. Sie haben sich aus freiem
Willen, manchmal vielleicht sogar ohne elterliches Einverständnis in die
Politik eingemischt. Nachdem ihre guten Argumente kein Gehör fanden, haben
sie von ihrem Demonstrations- und Widerstandsrecht Gebrauch gemacht. Dies verbrieft
ihnen unser Grundgesetz. Ich kann sie nur dabei unterstützen und die Polizisten
dazu ermahnen, ihre »unmittelbare Gewalt« genau so sanft auszuüben,
wie die Gegenseite ihren zivilen Ungehorsam.
So weit mein Beitrag zur Deeskalation. Herrn Rechs und Herrn Stumpfs einzig
glaubwürdiger Beitrag wäre ihr gemeinsamer, sofortiger Rücktritt.
Ihr Verhalten ist unseres Gemeinwesens unwürdig und führt auf geradem
Weg in einen Bürgerkrieg.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Felder
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